Das in Berlin ansässige Ensemble Tamuz widmet sich auf seinem Debüt-Album einem eher selten gehörten Komponisten: George Onslow. Zwei seiner Streichquintette präsentiert das Ensemble auf dem Album „George Onslow: String Quintets Op. 72 & 61“ – auf historischen Instrumenten, und das Quintett Op. 61 als Weltersteinspielung.
George Onslow (*1784 †1853), von Hector Berlioz als „der französische Beethoven“ bezeichnet, von Komponisten wie Robert Schumann und Felix Mendelssohn für seine herausragende Kammermusik geschätzt, Direktor der renommierten Académie des Beaux-Arts und bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als hochtalentierter Komponist bewundert – und dennoch geriet er spätestens mit dem Ersten Weltkrieg mehr und mehr in Vergessenheit. Schon zu seinen Lebzeiten hatte er unter der Konkurrenz zu Beethoven zu leiden – im Gegensatz zu diesem, werfen ihm einige Stimmen vor, wäre Onslow in seinen späteren Kompositionen nicht mehr einfallsreich genug gewesen. Das Ensemble Tamuz hingegen war beim Studieren von Onslows Streichquintetten von der „Entdeckungsfreude, seiner einfallsreichen Melodik und sehr reichen harmonischen Sprache“ sofort fasziniert: „Seine Kammermusik und seine zahlreichen Quintette sind ein echter Schatz.“
Von letzteren schrieb der Komponist ganze 34 (neben 36 Streichquartetten). Schon im Jahr 2022 traf sich das Ensemble, um alle Streichquintette von Onslow einmal vom Blatt zu lesen, die noch nie aufgenommen worden waren. Vom Quintett Nr. 25 Op. 61 f-Moll waren alle Mitglieder sofort begeistert: „Wir haben es gleich zwei Tage später im Konzert gespielt!“ Zum unveröffentlichten Manuskript kamen sie durch eigene Recherche und den Kontakt zu Viviane Niaux, die eine Onslow-Biografie sowie verschiedene Artikel zum Komponisten verfasst hat. Sie gab den Hinweis, dass die Handschrift des Quintetts Op. 61 im Besitz der Erben des bedeutenden Cellisten Adrien-François Servais liegt, dem dieses Quintett mit einem besonders virtuosen Cellopart gewidmet ist. „Das Manuskript ist unglaublich schön geschrieben und klar zu lesen“, sagt Cellistin Constance Ricard, „die grafischen Zeichen aus der Hand des Komponisten vermitteln viele Eindrücke, die der Druck oft nicht wiedergeben kann. Und die Arbeit mit der Handschrift zwingt uns, Fragen zur Kohärenz der Zeichen und ihrer Bedeutung zu stellen, was ein außerordentlich wichtiger Teil des Interpretationsprozesses ist“. Dies auch im Hinblick darauf, dass es für das Ensemble Tamuz keine Referenzaufnahme gab, an denen es sich orientieren konnte.
Das zweite hier zu hörende Streichquintett, Nr. 28 Op. 72 in g-Moll, schrieb Onslow für einen guten Freund, den französischen Musiker Louis Casimir Ney, bedeutender Bratschist des 19. Jahrhunderts.
Das Ensemble Tamuz spielt auf historischen Instrumenten und interpretiert Onslows Musik auf diesem Album historisch fundiert. „Wir möchten mit der historischen Spielpraxis neue Werkzeuge entdecken und die Ausdruckskraft hinter den Notenzeichen in der Partitur erfassen. Mittlerweile haben wir durch unsere Erfahrung im Umgang mit historischen Ausgaben und dem Studium der Quellen einen Geschmack entwickelt, der von der “modernen” Ästhetik, mit der wir aufgewachsen sind, weit entfernt ist“, so Constance Ricard. „Dabei versuchen wir, Freiräume für Improvisation und neue Gestaltungsmöglichkeiten in unseren Interpretation zu bewahren und haben uns beigebracht, als Ensemble nicht immer zusammen sein zu wollen. Werkzeuge wie z. B. die Tempoflexibilität, standen früher in der Kammermusik selbstverständlich zur Verfügung, wurden aber im Laufe des 20. Jahrhunderts allmählich vernachlässigt. Wir haben sie uns neu beigebracht.“
Mit dieser Praxis präsentiert das Ensemble Tamuz die Streichquintette Onslows auf lebhaft expressive und ganz eigene Weise: Eine spannende Begegnung mit zwei meisterhaften, aber unterschätzten Werken des romantischen Repertoires.